Der verlorene Zwilling

Eines der schlimmsten Ereignisse, die einem Menschen passieren können, ist, wenn sein Zwillingsgeschwister bei oder vor der Geburt stirbt. Der berühmteste Betroffene ist Elvis Presley. Sein Zwillingsbruder starb bei der Geburt. Diese Erfahrung hat sein Leben nachhaltig geprägt. Der Superstar hat seine Villa zweifach, für seinen Bruder mit, eingerichtet.

Wie Elvis tragen alle extrem schwer, wenn ein Zwilling stirbt. Der Andere fehlt so sehr, so unerträglich, dass nichts im Leben so recht Freude machen kann. Ein Teil des überlebenden Zwillings möchte so schnell wie möglich sterben, um wieder ganz nah beim Anderen zu sein, wieder ganz Eins zu sein oder weil er sich so schuldig fühlt. Wieder Eins zu sein, da man nur
halb ist – das ist nicht nur eine Metapher, sondern alltägliche Realität. Wozu sich in der Schule oder bei der Arbeit noch anstrengen, wenn man eigentlich sterben will?

Der Beginn des Lebens ist prägend. Laut embryologischer Forschungen führen ungefähr 30 % aller Zeugungen am Anfang zu Zwillings- oder Einfachbefruchtungen. Die Amerikanerin Elizabeth Noble, eine
führende Kapazität auf dem Gebiet der vorgeburtlichen Psychologie, geht in ihrem Buch Having Twins davon aus, dass der Anteil von zwei oder mehr befruchteten Eizellen zu Beginn der Schwangerschaft zwischen 30 und 80 Prozent liegt. Geboren werden jedoch höchstens
etwa drei bis fünf Prozent Zwillinge oder Mehrlinge. Selbst wenn das Phänomen des verlorenen Zwillings »nur« 20 Prozent der Schwangerschaften betreffen würde, wäre bereits jeder Fünfte von uns nicht allein im Mutterleib gewesen.

Die Betroffenen leiden unter Sehnsucht, Einsamkeit und unerklärlichen Schuldgefühlen. Ich habe vor allem durch die Heilung des Verlustes meiner verlorenen Zwillingsschwester und nicht zuletzt in meiner Arbeit mit meinen Klienten erfahren, wie viel unverstandenes Leid und wie viele Beziehungsdramen aus einem verlorenen Zwilling entstehen.

Es gibt viele Suchende, die mehrfach als Weltreisende die Erde umrundet haben, Therapiesuchende, die bereits ohne größeren Erfolg mehrere Therapien gemacht haben und Haustierbesitzer, die den Tod ihres geliebten Tieres über viele Jahre nicht verkraften. Dieses sind nur einige Beispiele. Im Nachhinein betrachtet, mit dem Verständnis des im Mutterleib verlorengegangenen Zwillings, können sie die Suche besser verstehen.

Sie suchen verzweifelt und meist unbewusst nach dem oder der Anderen.
Häufig bewirkt die Entdeckung des Verlorenen Zwillings bei Klienten, – Erwachsene, Jugendliche und Kinder tiefgreifende Auswirkungen auf das Lebens- und Liebesglück.

Die Symptome:

Es können bei Halbzwillingen sowohl körperliche als auch psychische Symptome beobachtet werden. Diese Symptome können natürlich auch völlig andere Ursachen haben und sollten gegebenenfalls von einem Arzt untersucht werden.

Körperliche Auswirkungen

 Hörschwierigkeiten: Durch den Schock des Anhalten des Herzschlages des anderen kommt es vermutlich zu einem Schock.
 Verwachsungen an der Wirbelsäule (Skoliose) können dadurch entstanden sein, dass der Fötus sich immer von dem toten Anderen wegdrehen wollte.

Psychosomatische Auswirkungen

 unerklärliche Schwindelanfäll, die nach dem Aufdecken des verlorenen Zwillings aufhörten.
 Enge in der Brust / Herzschmerz / Atemschwierigkeiten haben oft keine organischen Ursachen und enden häufig mit dem wiederentdecken des verlorenen Zwillings.
 Panikattacken, Zitterkrämpfe, Herzrasen und Todesangst: besonders Überlebende von Abtreibungen berichten von diesen Symptomen.

Psychische Auswirkungen des frühen Verlustes sind Schuldgefühle

 weil man mehr Glück hatte als der Andere
 weil man dem Anderen Platz weggenommen hat und er deswegen gestorben ist
 weil der Überlebende dem Anderen nicht helfen konnte und am Leben halten konnte.

Sie wollen anderen helfen, sie retten und das bis an bzw. über ihre Schmerzgrenze, soweit, dass sie sich in der Beziehung verlieren. Sie können es nicht ertragen, dass sie ihren Zwilling nicht retten konnten. Sie bleiben und leiden für viele Außenstehende unerträglich lange in
ihren Beziehungen.

Einsamkeit

 alle, die Eltern, Geschwister, Partner, Freunde scheinen irgendwie nicht die Richtigen zu sein
 niemand kann wirklich den fehlenden Zwilling ersetzen, seine innige Liebe, seinen Hautkontakt und innige Nähe
 es bleibt ein leeres Loch in der Seele zurück, der wichtigste Mensch fehlt
 niemand versteht das, am wenigsten der Halbzwilling selbst.

An Freunden „kleben“

 die häufig den verlorenen Zwilling ersetzen sollen, diese wenden sich daraufhin häufig ab, wenn es ihnen zu eng wird.

Kraftlosigkeit

 da der Andere so fehlt und man/frau sich so einsam fühlt
 sie sich dem Tod näher fühlen als dem Leben
 Glaube, den Anderen mit ihrer Kraft und Leibesfülle getötet zu haben.
Verfolgungsgefühle, Angst vor Berührungen und Panik im Fahrstuhl
 für einige Halbzwillinge ist Körperkontakt ein Gräuel, aus dem Grund den toten Zwilling im Mutterleib nicht zu berühren.

Eifersucht

 Angst den Partner – wie den Zwilling – zu verlieren.
„Hunger“ nach Nähe und Berührung
 einen scheinbar unstillbaren Hunger nach Berührung
 um den Mangel an Berührung auszugleichen, üben sie Berufe wie Masseur, Friseur, Krankenschwester, Krankengymnast aus
 sie raufen sich als Kinder, um möglichst viel angefasst zu werden.
Neigung zu schweren Fehlschlägen und Misserfolgen im Beruf
 „Was ich auch anfasse, geht schief“ – Schuldgefühle und vom Pech verfolgt fühlen.
 „Allein schaffe ich es nicht.“

Schwierigkeiten, Kinder zu bekommen

 Die Zahl der Kinderlosen liegt bei Halbzwillingen weit über den Durchschnitt, es kommt bei weiblichen Halbzwillingen häufig zu Fehlgeburten, sie können ihre Kinder nicht bei sich behalten.

Die Sehnsucht in den Tod – zu dem verlorenen Zwilling

 äußerlich „passieren“ ihnen beispielsweise wiederholt schwere Unfälle
 betreiben Extremsportarten und / oder sind extrem risikobereit
 sie bekommen Krankheiten, bei denen sie nur mit Glück überleben.

Hatte ich einen Zwilling?

Viele Fragen sich bzw. mich, woran sie erkennen können, dass sie einen Zwilling hatten. Das erste, was auffällt, ist die Beschreibung der Symptome der Klienten. Darin liegen oft schon Hinweise, zu einem verlorengegangenen Zwilling.

Hier einige Bespiele:

„Ich fühle mich nur halb, es ist als hätte ich nur die halbe Kraft im Leben zur Verfügung …“
„Sehr oft habe ich das Gefühl, als fehlt mir etwas, um glücklich zu sein …“ „Einsamkeit ist mein Lebensthema. Schon als Kind habe ich mich oft so unerträglich einsam gefühlt, so allein. Das geht auch nicht wirklich weg, wenn ich mit Freunden zusammen bin …“
„Mir steht es nicht zu, viel Geld zu verdienen und dabei in meinem Beruf Freude zu haben …“
„Ich habe ständig Schuldgefühle, dass ich jemanden etwas wegnehme, dass ich schuldig bin, wenn es jemanden schlecht geht …“
„Ich habe so eine Angst, verlassen zu werden. Bei nur dem geringsten Anzeichen, dass mein Partner mich verlässt oder sich eine/n andere/n sucht, werde ich fasst verrückt …“
„Ich habe manchmal panische Angstzustände, die ich mir nicht erklären kann und fühle mich
von anderen Menschen bedroht. Besonders schlimm ist dieses im Fahrstuhl“. „Ich lasse keinen Partner wirklich an mich ran, sobald es zu dicht wird trenne ich mich …“.

Hinter all diesen Sätzen können auch andere Ursachen liegen. Wenn der Verdacht entsteht, dass jemand einen verlorengegangenen Zwilling hat, ist es wichtig, dieses zu überprüfen und nicht vorschnell zu deuten. Das hilft niemandem.

Was können Sie als Nicht-Fachmann tun?

Folgen Sie Ihrem Herzen, Ihrem Mut und Ihrer Intuition.

Merkt es die Mutter, wenn ein Zwilling stirbt?

Gewöhnlich merkt die Mutter nichts. Selten gibt es kleinere oder größere Zwischenblutungen. Selbst wenn in einer sehr weit fortgeschrittenen Schwangerschaft einer stirbt, merkt die Mutter meistens nichts – außer über Träume oder ihre Intuition.

Üblich ist bis heute, den Frauen erst im dritten Schwangerschaftsmonat die gesehene Mehrlingsschwangerschaft mitzuteilen, weil der zweite oder auch dritte Embryo vorher häufig verschwindet. Viele Ärzte wollen Schwangeren eventuelle Enttäuschungen ersparen. Doch häufig ahnt auch der Mediziner nichts und so steht nur sehr selten „V.a. Gemini“
(Verdacht auf eine Zwillingsschwangerschaft) im Mutterpass.

Bei Ultraschalluntersuchungen wird nichts von einem Abgang bemerkt, wenn der Verlust bereits vor dem ersten Ultraschall geschehen ist. Schon innerhalb weniger Wochen ist es nicht mehr möglich, den abgestorbenen Embryo im Mutterleib nachzuweisen.

Wenn der eine Zwilling stirbt, woran merkt der Andere das?

Zunächst werden der Herzschlag und die Bewegungen schwächer, dann hören sie ganz auf. Fünf Wochen nach der Einnistung, wenn der Embryo eine gewisse Größe erreicht hat, spürt er die Gegenwart des anderen sehr genau. Das Ohr ist das erste, was ein werdender Mensch ausbildet. Der Zwilling hört als erstes seinen eigenen Blutkreislauf und den des anderen, noch bevor das Herz anfängt zu schlagen. Die Geräusche seines Geschwisters sind ihm näher als die Darmgeräusche und der Herzschlag der Mutter.

In den Fünfziger Jahren ging man noch davon aus, dass Embryos und gar Neugeborene nichts fühlen oder großartig wahrnehmen könnten, dass ging soweit, dass man Operationen an Neugeborenen teilweise ohne Betäubung vornahm. Sie galten als unbeschriebenes Blatt.

Der amerikanische Forscher David Chamberlain beobachtete 1998 im Ultraschalluntersuchungen, dass bereits zwei Monate alte Embryos bewusst wahrnehmen und reagieren können.

Schwierigkeiten im Leben des alleingeborenen Zwillings

Für jeden Menschen, der im Mutterleib Geschwister verloren hat, sind die Auswirkungen im Leben unterschiedlich. Jeder hat eigene Wege gefunden, mit der Katastrophe umzugehen. Einigen, die einen verlorenen Zwilling im Mutterleib verloren haben, gelingt es, diese Erfahrungen im Leben sehr gut auszugleichen. Doch manchmal reichen kleine Ereignisse in ihrem Leben, um die Erfahrungen um den verlorenen Zwilling wieder wachzurufen.

Verschiedene Lebenssituationen fordern den überlebenden Zwilling auf, ihn wiederzuentdecken. Es ist, als würde er rufen: „Hallo, hier bin ich – jetzt erinnere Dich endlich an mich!“

Halbzwillinge lieben anders

Für viele Halbzwillinge könnte das Verschmelzen der ersten Verliebtheit ewig weitergehen. Wenn der Partner ein Einling ist, ist er nach der anfänglichen Verliebtheit irritiert. Eine Zwillingsnähe kennt, sucht und kann dieser auch nicht geben. Sehr schnell sucht der überlebende Zwilling durch viel Nähe beim Partner seinen verlorenen Zwilling.

Die körperliche Nähe zu seinem Partner hat für ihn höchste Priorität. Seinem Partner wird (nach dem Verliebtsein) das Nähebedürfnis zu viel. Schnell fühlt er sich kritisiert und bedrängt. Der Einling versteht den Halbzwilling nicht. Er hat das Gefühl alles zu geben und seinen Partner auch von Herzen zu lieben (so wie es seinem „Liebesprogramm“, seinem
innersten Bedürfnis, entspricht).

Konflikte sind vorprogrammiert. Der Einling zieht sich zurück, was seinem Partner an das Drama im Mutterleib erinnert. Für ihn bricht eine Welt zusammen. Er bekommt große Angst, versucht alles um seinen Partner zu halten und stößt ihn dadurch nur immer weiter weg. So sehr sich die Halbzwillinge auch bemühen ihren Partner immer mehr Loszulassen und Freiraum zu geben. Sie schaffen es nie lange.

Eine mögliche Lösung besteht im inneren Kontakt zu seinem gestorbenen Zwilling. Dann braucht ihm sein Partner die fehlende Zwillingsnähe nicht zu geben. Jeder kann nur sein eigenes Beziehungsprogramm leben. Den größten Fehler, den Halbzwillinge machen können, ist, sich einen Partner zu suchen, der es eher unverbindlicher und viel Freiraum braucht. Ansonsten ist viel Leid vorprogrammiert. Viele Halbzwillinge und auch lebende Zwillinge brauchen, um ihr großes Herz öffnen zu können, einen verlässlichen Partner, für den ihre verschmelzenden Nähewünsche keine Bedrohung sind.

Wenn überlebende Zwillinge ihr Herz öffnen, werden ihre Grundbedürfnisse offensichtlich. Ihre Beziehungen werden tief und intensiv. Eine andere Art von Beziehungen ist für sie nicht möglich.

Diese Tiefe und Intensität, mit der sich überlebende Zwillinge auf einen Partner einlassen, ja einlassen müssen, lässt sich auch mit der besten Therapie nicht wegtherapieren. Jemand der es gerne nah und intensiv hat, kann sich nichts Schlimmeres antun, als seine tiefe Sehnsucht nach inniger Nähe, die auch am Anfang seines Lebens da war, abzuschneiden.

Den verlorenen Zwilling wiederentdecken

Wenn sie noch nicht wissen, ob in Ihnen dieses Trauma schläft, weise ich darauf hin, dass es so lange verborgen oder nicht bearbeitbar bleibt, bis es in Ihnen reif ist, angesehen zu werden. Aus diesem Grund kann es sich z.B. auch bei Familienaufstellungen lange Zeit nicht zeigen.

Um die Situation für sich behutsam zu klären, sollte dies idealerweise
 in einem geschützten Rahmen geschehen,
 der von einer versierten Person geschaffen wird,
 welche dieses Thema für sich selbst geklärt und verarbeitet hat
 und von anderen Themen unterscheiden kann.
Die Erfahrung zeigt, dass der überlebende Zwilling für seine Heilung Kontakt zu dem Anderen, der gegangen ist, aufnehmen muss, z.B. als inneres Bild im Herzen.

Beim Wiederentdecken des verlorenen Zwillings zeigt sich immer wieder, dass der Gegangene froh ist, wenn es dem anderen gut geht und er ein gutes Leben und einen lieben Partner hat. Es hilft nach meiner Erfahrung nicht, allein theoretisch zu wissen, dass man einen Zwilling gehabt hat, sondern man muss diese Verbindung zum Anderen und die sich daraus ergebenden Folgen für das eigene Leben spüren. Nur in Verbindung mit dem Fühlen, hat die Wiederentdeckung des verlorenen Zwillings therapeutisch heilende Kraft.

Wenn es einen verlorenen Zwilling gegeben hat und die Zeit, ihn wiederzuentdecken, noch nicht reif ist, meldet sich das Thema zu gegebener Zeit wieder. Prägende Kindheitserlebnisse und eine Einbindung in schwere Familienschicksale müssen manchmal erst angeschaut und geachtet werden.

Die meterdicken Schutzmauern haben lange die Funktion gehabt, dem
alleingeborenen Zwilling bei Überleben zu helfen. Ohne sie wäre er durchgedreht vor Schmerz und Einsamkeit. Wenn es an der Zeit ist, aus dem Bunker herauszukommen, wartet ein anderes, frischeres und erfüllteres Leben auf den überlebenden Zwilling. Er kann zudem
zu einer großen Inspirationsquelle werden und ein großes Potential freisetzen.